Neue Märchen

Märchendefinition

Märchen-Definition

Der Begriff Märchen wird sehr unterschiedlich verwendet. Hauptsächlich bezeichnet er eine bestimmte Sorte literarischer Texte. Doch bereits hier sind die Grenzen zu verwandten Texten fließend. Was ist der Unterschied zwischen Märchen und Fabel? Oder zwischen Märchen und Sage? Oder zur Fantasy? Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Zudem wird das aus dem Gattungsbegriff Märchen abgeleitete Adjektiv märchenhaft im Alltag als Synonym für "besonders schön" verwendet. Die Phrase "Erzähl mir keine keine Märchen" verwendet den Märchenbegriff hingegen als Entsprechung von Lüge oder Übertreibung.

Auch wenn die Abgrenzung des literarischen Märchenbegriffs von dem des Alltags sehr klar erscheint, so muss doch festgehalten werden, dass sie tatsächlich wenig trennscharf ist. Das liegt daran, dass der literaturwissenschaftliche Märchenbegriff viel enger ist als er tatsächlich verwendet wird. Welcher Text tatsächlich ein Märchen ist und welcher nicht, ist nicht immer ganz klar. Daher möchte diese Internetseite den Versuch starten, den Begriff Märchen nicht nur zu definieren, sondern ihn auch von verwandten Begriffen wie Sage oder Novelle abzugrenzen. Für eine klare Abgrenzung sind Kriterien nötig. Diese ergeben sich durch die Begriffe "Gattung" und "Genre".

Gattung und Genre

Spörl versteht unter einer Gattung die „durch Klassifikation nach Merkmalen bzw. Merkmalskombinationen und/oder historische Begrenzungen und/oder Traditionsbildungen realisierte Einteilung der Dichtung“ . Eine Gattung ist also eine literarische Kategorie, die durch verschiedene Kriterien gekennzeichnet ist. Diese Kriterien können nach Spörl unterschiedlicher Natur sein. Gfrereis unterscheidet zwischen Gattungen auf unterschiedlichen Ebenen und versteht unter einer Gattung „sowohl eine der drei großen Grundhaltungen literarischer Darstellung (...) als auch eine ihrer Unterklassen“ . Die drei Grundhaltungen meinen die Lyrik, Epik und Dramatik. Diese werden von Spörl allerdings nicht als Gattungen, sondern als Naturformen betrachtet . Für ihn kommt „die Epik nicht als Gattung in Frage, der Roman (...) hingegen sehr wohl“ .

Epik, Lyrik und Dramatik werden von Spörl und Gfrereis als Klassen auf gleicher Ebene gesehen. Gfrereis nennt diese Klassen Grundhaltungen, Spörl bezeichnet sie als Naturformen. Uneinigkeit besteht in der Frage, ob es sich auf oberster Ebene um Gattungen handelt. Ausgehend von der Annahme, dass der Gattungsbegriff Textsorten klassifizieren soll, und dass sich diese Klassifikation nicht wie beim Genre inhaltlich ergibt, sondern aufgrund struktureller Textmerkmale, werden im Folgenden Epik, Lyrik und Dramatik als Gattungen oberster Ebene für schriftlich vorliegende Texte angesehen. Die Textmerkmale, aus denen sich die Gattungszuordnung ergibt, werden im Folgenden als produktionsästhetische Merkmale bezeichnet. Stark verkürzt dargestellt ließe sich als Merkmal der Epik festhalten, dass es sich um Prosaerzählungen handelt; die Lyrik bezeichnet Texte, die mit Reim und/oder Rhythmus gestaltet werden; die Dramatik steht für eine szenische Gestaltung von Dialogen.

Schwierig ist, dass die Begriffe Gattung und Genre sich häufig vermischen, was dadurch zu erklären ist, dass auf Ebene der Untergattungen irgendwann inhaltliche Kriterien einbezogen müssen. Möchte man die Begriffe trennschaft verwenden, ohne sie zu durchmischen, kann man das wie folgt tun:

Gattung: Die Gattung ist eine literarische Kategorie, die Texte vor allem nach Form und Struktur (aber auf tieferen Unterscheidungsebenen auch nach Inhalt) einteilt. Beispiel: Die Gattung "Roman" ist eine Untergattung der Epik und zeichnet sich durch formale Kriterien aus: epische Erzählung, also Prosa; Langform (in Abgrenzung zu kürzeren Formen wie zum Beispiel Novelle oder Kurzgeschichte). Der Kriminalroman ist wiederum eine Untergattung des Romans, die sich durch inhaltliche Kriterien abgrenzt: Es handelt sich um einen Krimi, in Abgrenzung zum Liebesroman, Schelmenroman, Heimatroman, ...

Genre: Das Genre ist ebenfalls eine lKategorie und unterscheidet Texte (vor allem Filme) nach inhaltlichen Kriterien. Der Begriff kommt eher aus der Medienwissenschaft. Beispiel: Western und Thriller sind Genres, die sich vor allem aus ihren Inhalten herleiten. Mit diesen Inhalten sind aber auch gewisse Formen ("Genrekonventionen") verbunden.

Dieses Begriffsverständnis ist zwar durchaus gängig, aber nicht das in der Literaturwissenschaft allein gültige. Oft werden Gattung und Genre synonym verwendet. Auf dieser Seite jedoch soll von Gattungen die Rede sein.

Weiterführende Literatur

  • Spörl, Uwe: Basislexikon Literaturwissenschaft. Paderborn: Verlag Ferdinand Schönigh, 2004.
  • Gfrereis, Heike (Hg.): Grundbegriffe der Literaturwissenschaft. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1999.